Klassenhass und Bauchgefühl: Der ungeklärte Mord, der Frankreich spaltete

Klassenhass und Bauchgefühl: Der ungeklärte Mord, der Frankreich spaltete · Avonetics
Am Abend des 5. April 1972 verändert sich das Leben in der nordfranzösischen Kleinstadt Bruay-en-Artois für immer. Die 15-jährige Brigitte Dewèvre, Tochter eines einfachen Bergarbeiters, verlässt das Haus ihrer Eltern. Sie will die Nacht bei ihrer Großmutter verbringen. Doch dort kommt das junge Mädchen niemals an.
Am darauffolgenden Nachmittag macht man eine schreckliche Entdeckung. Auf einer brachliegenden Wiese liegt die zugerichtete Leiche des Mädchens. Der Fundort ist symbolträchtig: Genau hier verläuft die Grenze zwischen den kargen Reihenhäusern der Bergarbeiter und den prachtvollen Villen des Wohlstandsviertels.
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Der zuständige Ermittlungsrichter Henri Pascal übernimmt die Regie. Schon nach wenigen Tagen präsentiert er einen Verdächtigen: den örtlichen Notar Pierre Leroy. Ein wohlhabender, angesehener Mann der Oberschicht. Doch die Festnahme sorgt für Entsetzen bei Juristen. Pascal gibt vor Reportern offen zu, keinerlei Sachbeweise, Zeugen oder Tatwaffen zu besitzen. Er handle rein aus »persönlicher Überzeugung«.
Was folgt, ist ein Präzedenzfall für mediale Hetze. Eine radikale Zeitung erklärt den Mord sofort zum Klassenkampf und titelt, dass nur ein Bourgeois zu so etwas fähig sei. Der Mörder stehe aufgrund seiner sozialen Herkunft fest. Die Stadt spaltet sich augenblicklich in zwei feindliche Lager. Es folgen Morddrohungen und Rufe nach Volksgerichtshöfen.
Ein Kommentator hob später hervor, dass sogar der berühmte Philosoph Jean-Paul Sartre intervenieren musste, um die entfesselte Meute zu bremsen. Sartre betonte, dass Zorn verständlich sei, man jemanden ohne Beweise jedoch nicht als Mörder brandmarken dürfe. Währenddessen gerät die Ermittlung vollkommen aus den Fugen.
Your brand, right here.Reach story-obsessed listeners in 45+ languages → advertise on AvoneticsEin Mitgefangener legt ein falsches Geständnis ab, eine Tatort-Rekonstruktion entlastet den Notar eher, als ihn zu belasten. Selbst die Staatsanwaltschaft fordert Leroys Freilassung. Dennoch bleibt der Mann über drei Monate hinter Gittern, bevor das Verfahren 1974 eingestellt wird – ohne Freispruch, aber auch ohne Anklage.
1973 gesteht plötzlich ein 17-jähriger ehemaliger Mitschüler im Fernsehen die Tat. Ein anderer Beobachter verwies darauf, dass dieser Jugendliche sogar im Besitz der Brille des Opfers war – ein Indiz, das in vielen anderen Fällen für eine Verurteilung gereicht hätte. Doch auch dieses Geständnis hält der gerichtlichen Überprüfung nicht stand.
Im Jahr 1981 werden die Akten endgültig geschlossen. Seit 2005 ist der Mord an Brigitte Dewèvre juristisch verjährt. Wer das junge Mädchen an jenem Aprilabend wirklich tötete, wird die Welt wohl niemals erfahren.
In der aktuellen Podcast-Episode von Schattenakten rollen die Moderatoren diesen dramatischen Justizskandal noch einmal auf und debattieren über Vorurteile, Ermittlungspannen und die Jagd nach dem wahren Täter.